Folge 2.08
Lass mich gehen
Billie stand unten in der Küche und suchte nach etwas. Sie wollte sich bei Piper dafür entschuldigen, dass sie ihre beste Freundin so verwirrt hatte. Auch wollte sie ihr danken, dass sie Billie trotzdem noch hier wohnen ließ. Das Geständnis hatte ihrer Freundschaft glücklicherweise nicht geschadet, sondern sie nur noch näher zueinander geführt. Sie würden sich nun alles sagen können und brauchten nie wieder Geheimnisse voreinander haben. Für dieses Vertrauen und die Chance auf ein neues Leben wollte Billie Piper zeigen, dass die Entscheidung richtig war. Aus diesem Grund suchte sie auch weiter nach diesem Tablett. Sie hatte ein Frühstück gemacht und wollte es ihrer Freundin ans Bett bringen. Der Kaffee war auch schon fertig, nur konnte Billie es nicht alles nur mit bloßen Händen tragen. Doch anscheinend wusste nur Piper, wo was zu finden war. Das machte das Suchen nicht einfacher und Billie hatte schon Angst, dass Piper wach sein würde, wenn sie es endlich gefunden hatte.
Doch dann hielt sie es endlich in den Händen und ging mit Pipers Frühstück nach oben. Sie wollte leise sein, um ihre beste Freundin nicht schon zu früh zu wecken. Am Wochenende sollte Piper ruhig etwas schlafen können. Wyatt und Chris lagen schließlich auch noch in ihren Betten. Selbst Billie war noch nicht ganz wach, denn in den ersten Kaffee hatte sie Salz anstatt Zucker gegeben. Aber wie hieß es so schön, verliebte versalzen alles. Sie durfte diese Fehler also machen, aber natürlich wollte sie das nicht. Lieber stellte sie sich vor wie sie neben Piper am Bettrand saß und sie wecken würde. In ihrem Traum war es ein sanfter Kuss, aber den würde es in der Realität nicht geben. Sie konnte nur davon träumen. Von sanften Lippen und einer Wärme die durch ihren Körper fuhr bei jeder kleinen Berührung. Piper würde so sinnlich sein… aber eben nur im Traum. Denn als Billie in ihr Zimmer kam, war Piper nicht mehr da. Das Bett war leer und Billie sichtlich enttäuscht aus. Sie konnte ja nicht wissen, dass Piper schon aufgestanden und unter die Dusche gestiegen war. Oder doch?… Billie setzte sich auf den Rand des Bettes und stellte das Tablett neben sich ab. Natürlich es war Pipers mütterlicher Instinkt. Ihre innere Uhr sagte ihr, dass sie aufstehen und sich um alles kümmern musste. Sie war eben so etwas wie die erste Frau in diesem Haus und das würde ihr niemand nehmen können.
Darryl hatte die letzte Nacht schlecht schlafen können und auch Phoebe mit seiner Unruhe wach gehalten. Nun saß sie im Wohnbereich des Apartments und sah sich an, was ihr Freund von der Arbeit mit nach Hause gebracht hatte. Es waren ein paar Unterlagen, die Darryl gestern Abend wütend auf den Tisch geknallt hatte. In seinem jetzigen Fall kam er einfach nicht weiter. Phoebe hatte sich schon Sorgen gemacht und jetzt sah sie auch warum. In den Unterlagen fand sie Akten über das rätselhafte Sterben von drei Kindern. Alle waren sie noch spät mit ihren Eltern im Park gewesen und waren dort erst verschwunden und wenig später tot aufgefunden wurden. Phoebe lief es bei dieser Geschichte eiskalt den Rücken herunter. Wer konnte Kindern so etwas antun? Sie waren doch unschuldige Opfer, die sich nicht wehren konnten…
Phoebe konnte nicht anders, als an ihre eigene ungeborene Tochter Eva denken. Wenn dieser etwas zustoßen sollte, wüsste sie nicht, wozu sie in der Lage sein würde. Aber vielleicht ging es Darryl genauso. Vielleicht hatte er die gleichen grauenhaften Gedanken und diese Angst, alles zu verlieren. Sie würden beide leiden und jeder würde seinen Weg gehen, um Evas Mörder zu finden. Aber wäre das der richtige Weg? Die Beziehungen und Ehen bei diesen Mordfällen sind alle zerbrochen nach dem Tod der Kinder… ein Muster… aber sonst schien nichts zusammen zu passen…
„Ich will auch wissen, was passiert ist… es ist einfach nur grauenhaft, dass diese Kinder sterben mussten. Wenn Eva so etwas passiert, dann…“, Darryl kam aus dem Schlafzimmer und sah ziemlich ernst und zutiefst zerschlagen aus. Phoebe hatte ihn erst gar nicht gesehen, doch jetzt konnte sie seinen Schmerz innerlich fühlen. Sie bemühte sich aus dem Sessel, während der Polizist auf sie zuging. Sie nahmen sich in die Arme und hielten sich ganz fest. Keiner von Beiden wollte den anderen noch einmal los lassen, sondern lieber ihre Angst gemeinsam überwinden.
Paige wachte in ihrem neuen Zuhause auf. Sie konnte immer noch nicht glauben, dass sie wirklich hier war. Das letzte Mal war es nur ein Abenteuer gewesen und nun würde sie immer mit ihm hier aufwachen. Sie würde in Coles Augen sehen und sich geborgen fühlen. Genau das wollte sie auch jetzt und drehte sich zu ihm um. Sie wollte sich an ihn schmiegen und noch eine Zeit lang nur in seinen Armen liegen… aber dann der Schreck… die Betthälfte neben ihr war leer. Cole lag nicht neben ihr. Sie war ganz allein hier und das machte ihr Angst. Wie sollte sie sich denn sicher fühlen, wenn sie nie wusste, wo er gerade war? Wieso lag er nicht neben ihr? Warum hatte er sie nicht geweckt, als er gegangen war? Wollte er sie nur schlafen lassen?… War er vielleicht nur in der Küche und wollte sie mit einem Frühstück verwöhnen?… Ja, die Idee gefiel Paige und sie war noch lange nicht so erschreckend wie alles andere. Sie kletterte also aus dem Bett und zog sich etwas über. Dann schlich sie leise durch die anderen Räume des Apartments. Ihr fiel auf, dass sie es so groß gar nicht in Erinnerung gehabt hatte. Doch andererseits würde ihr Baby hier genug Platz haben. Platz zum Leben. Platz zum Spielen. Platz zum Entfalten. Hier konnte man glücklich werden, wenn man nicht gerade wie sie alleine war. Denn Cole war in keinem der Räume. Sie hatte alles nach ihm abgesucht und hockte nun zusammen gekauert auf dem Boden seines Büros. Der Schreibtisch schien so groß und erdrückend von hier unten zu sein. Er war wie eine Last und sie hasste ihn in diesem Moment über alles. Sie wollte doch nur wissen, wo er war… er konnte sie doch nicht alleine gelassen haben. Sie liebte Cole und sie wollte bei ihm sein. Paige weinte bitterlich und die Tränen rollten ihr eine nach der anderen über die Wangen. Sie wusste einfach keine Antwort auf all ihre Fragen und fühlte sich so allein wie noch nie…
Jamie und Victor saßen bereits am Frühstückstisch, doch keiner von ihnen konnte etwas sagen. Sie standen noch immer beide unter Schock. Sie konnten nicht wissen, was als nächstes auf sie zukommen würde und genau das machte ihnen Angst. Jamie konnte nicht einmal einen Bissen zu sich nehmen. Er würde ihr im Hals stecken bleiben, denn die Wahrheit wollte raus. Aber wie sollte sie ihm alles sagen? Wie sollte Victor alles verstehen? Würde er es können oder würde alles daran zerbrechen? Alles was sie als ihr Glück gefunden hatte… Sie wollte Victor vertrauen, Sie wollte ihn lieben und bis zu ihrem Lebensende bei ihm sein. Aber konnte sie das? Sie war doch an allem Schuld. Sie war der Grund, warum Roger hinter ihnen her war. Jamie wurde klar, dass der einzige Weg, die anderen zu retten, ihr Weg zurück in Rogers Arme war.
+++
Wyatt war schon wach und ging in das Zimmer seines Bruders Chris. Der Kleine saß in seinem Bett und spielte mit einer Mickey Mouse. Wyatt drehte einen der Stäbe aus dem Gitterbett raus und kletterte dann zu seinem Bruder. Es ging ganz einfach, denn es war ja nicht das erste Mal. Schon als das Bett noch ihm gehörte hatte er diesen Trick irgendwann entdeckt und konnte so sein ganzes Zimmer erkunden. Doch genau das sollte Chris jetzt nicht tun, denn Wyatt wollte mit seinem Bruder reden. Ihm war aufgefallen, dass seine Mutter anders war uns auch Tante Billie wirkte verändert. Wyatt wollte einfach wissen, was los sein könnte. Sein Bruder hatte vielleicht etwas mitbekommen, während er selber in der Schule war. Sie könnten dann gemeinsam nach einer Antwort suchen, fast wie in einer Detektivgeschichte. Er war dieser Sherlock Holmes und Chris war Watson, so wie in der Geschichte, die Billie ihnen gestern vorgelesen hatte. Ja, zusammen würden sie bestimmt ein super Team sein und Wyatt hatte auch schon eine Idee, wie sie eine Spur finden konnten. Sie würden Billie und ihre Mutter einfach dazu überreden, sie heute in den Park mitzunehmen. Am besten sollte Chris fragen, denn mit seinen großen Kulleraugen würde er bestimmt kein „Nein“ zu hören bekommen. Während die beiden Jungs also aus dem Bett kletterten und den Erwachsenen ihren Vorschlag machen wollten, ging Cole umher. Alles war dunkel und kein Licht leuchtete. Selbst die Kerzen lagen verstreut auf dem Boden. Das hier alles war einmal sein zu Hause gewesen. Eine Welt, in der er zu den Besten gehörte. Er war der Erzfeind der Mächtigen Drei gewesen und jetzt nur noch Paiges Schoßhündchen? Nein, er war nicht vollkommen gut und ein Mensch. Wie sollte das alles funktionieren?… Ja, er liebte sie und er würde für sie sterben, aber ein Baby? Wie sollte er denn Zwei leben beschützen oder Paige vor zwei Dämonen? Keiner von ihnen konnte sich sicher sein, dass dieses winzige Leben in ihr wirklich ein Mensch war. Dämon, Hexe, Wächter des Lichts… dieses ungeborene Kind konnte alles sein. Seine Angst stieg von Minute zu Minute. Wie sollte er Paige das nur alles erklären?… Plötzlich schreckte Cole zusammen. Da war ein Geräusch… jemand stand genau hinter ihm… er konnte diesen Atem in seinem Nacken spüren und Cole wusste, dass sein Angreifer um einiges größer sein musste… aber er war nicht allein gekommen. Da waren mehrere… wie konnte er nur so dumm sein und hierher zurückkehren? Hier wimmelte es doch nur so von Dämonen und er war mitten unter ihnen. Keiner würden ihm glauben, wenn er sich herausreden wollte. Aber zum Kämpfen war er alleine zu schwach… er musste hier weg… zu Paige… zu der Frau, die er liebte und die er heute Morgen verlassen hatte, um einen klaren Kopf zu bekommen. Jetzt wünschte er sich, er wäre wieder bei ihr. Ja, er musste nur an sie denken und dann würde er das hier alles zurücklassen und bei ihr sein können… oder nicht?
Eine Hand ergriff seinen Hals und hielt ihn fest. Er konnte sich nicht bewegen, aber er sah dieses Leuchten. Diese funkelnden Augen… ein Paar das ihn anstarrte, aber vier knochige Arme, die an ihm rissen und seinen Hals immer enger zudrückten…
+++
Während Victor den Tisch abgeräumt hatte, rief Paige an und hatte Jamie darum gebeten vorbei zu kommen. Victor hatte nur einen flüchtigen Kuss von seiner Freundin bekommen und dann war diese auch schon verschwunden. So hatte er sich das gemeinsame Leben mit ihr wirklich nicht vorgestellt. Er wollte doch mit ihr zusammen sein und ganz von neu anfangen. Aber sie war nie da oder in Gefahr… wie sollte ihr Leben denn so weitergehen? Konnte es so überhaupt weitergehen oder würden sie sich für immer verlieren? Nein, er hatte Patty verloren, erst an ihren Wächter des Lichts Sam und dann durch einen Wasserdämon. Nicht auch noch Jamie, um sie würde er kämpfen und zwar mit allen Mitteln. Victor war fest entschlossen und hatte Sean fertig gemacht. Er würde sich mit Piper und Billie im Park treffen und alles mit seiner Tochter überdenken und dann würde das neue Leben beginnen. Ja, ein neues Leben, davon wollte er Piper gerne erzählen. Wie er es sich vorstellte und wie sie ihm dabei helfen konnte. Sie musste es einfach verstehen und seinen Wunsch erfüllen. Er hatte sich diese Entscheidung genau überlegt und er wusste, es war die einzig Richtige. Als er Piper, Billie und die Jungs sah, wurden seine Beine allerdings schwer. Würde sie es wirklich so gut verstehen?… aber jetzt gab es kein Zurück mehr, denn Piper nahm ihren Vater in die Arme. Für sie war es ein wunderbarer Tag. Nachdem ihre Schwestern ausgezogen waren, hatte sie zwar mehr Zeit für ihre eigene Familie gehabt. Doch ihr fehlte auch etwas und nun war sie froh darüber, wenigstens ihren Vater wieder zu sehen. Und auch ihren Bruder… ja, Sean als ihren Bruder anzusehen war schon reichlich seltsam. Doch er gehörte zur Familie und sie freute sich in sein kleines Gesicht zu sehen. Der Junge strahlte sie so lebensfroh an. Anders als ihr Vater, was sie beunruhigte: „Dad, ist alles in Ordnung? Du siehst ziemlich mitgenommen aus?… Wenn ihr Beide Hilfe braucht, dann sagt es nur, Billie und ich kümmern uns gerne mal um Sean.“
„Ich weiß nicht, ob das allein alles besser macht…“, Victor ließ seinen Kopf sinken. Er knickte ganz in sich zusammen, bis Piper Sean in Billies Arme gelegt hatte und er in Ruhe mit ihr reden konnte…
+++
Phoebe und Darryl gingen die Unterlagen noch einmal zusammen durch und irgendwas machte die Hexe stutzig. Sie wollte vorsichtshalber im Buch der Schatten nachsehen und ließ sich von Darryl fahren. Ihre Anspannung hatte sich so langsam gelöst. Denn sie wussten, jeder Verbrecher oder Dämon den sie vor Evas Geburt besiegen konnten, würde ihre kleine sicherer aufwachsen lassen. Die ganze Fahrt sahen sie sich verliebt an und Phoebe ließ ihre Hände immer auf ihrem Bauch ruhen. Doch dann schrie sie auf… in ihrem Kopf herrschte ein heilloses Durcheinander… es schienen gleich mehrere Visionen auf einmal zu sein… Phoebe sah Wyatt und Chris spielen… Paige, die weinend auf dem Boden lag… ein Lachen dröhnte in ihrem Kopf… Darryl schrie… Chris wurde von einem Ast gepackt… Sean weinte bitterlich und schrie… bis alles still war… Phoebe sah sich selbst auf einer Liege und ein Arzt schloss ihre toten Augen…
Darryl hatte angehalten und wollte wissen, was los war. Phoebes Gesicht hatte keine Farbe mehr und sie hatte Angst, dass konnte er ihr ansehen. Aber sie sagte kein Wort und er konnte nur raten, was ihr wohl durch den Kopf ging. Doch dann bemerkte er etwas, dass sie selber noch gar nicht wahrgenommen hatte… ihre Fruchtblase war geplatzt…
+++
Wyatt und Chris spielten verstecken und merkten gar nicht, dass sie den Bäumen immer näher kamen. Billie rief die Beiden zwar noch zurück, aber was sollte ihnen schon passieren. Auch Piper war es wichtiger, erst einmal ihrem Vater zuzuhören. Seine Vorstellung war einfach unmöglich… Magie… ja, sie bestimmte ihr aller Leben, aber sie konnte ihm doch keine geben: „Dad, das meinst du nicht ernst oder? Du kannst kein Zauber werden und Jamie wird das auch nicht an dich binden. Sie ist frei, aber sie liebt dich. Ihr habt so viel in Kauf genommen, das kann euch keiner wegnehmen.“
„Piper, ich spüre es doch… sie will nicht mehr in meiner Nähe sein und auch Sean lässt sie alleine. Irgendetwas stimmt nicht mit ihr… ich will meine Familie beschützen können und dazu muss ich werden wie ihr, also hilf mir Piper.“, Victor packte seiner Tochter an die Oberarme und schüttelte sie. Sie musste ihn einfach verstehen… aber sie konnte es nicht bei dem Geschrei. Was war auf einmal los? Selbst Billie schrie um Hilfe. Die Bäume machten sich auf einmal selbstständig und griffen nach den Kindern. Billie konnte nicht einmal Sean in ihren Händen halten, sondern stand noch unter Schock, als Victor und Piper zu ihr kamen. Aber es war zu spät. Nichts bewegte sich mehr und von den drei Jungs war keine Spur mehr zu sehen…
FORTSETZUNG FOLGT…


